Im November war MUNIA-Mitarbeiterin Lenza Severin in Georgien. Dort hat sie u.a. Vertreter*innen des dortigen Justizministeriums das Berliner Übergangsmanagement und den Aufbau der Berliner Justiz erläutert. Hier beschreibt sie ihre Eindrücke von der Arbeit, von Land und Leuten.

Ankunft bei Licht

Street Art, Rustaweli Boulevard, Tblisi, photo: L. Severin20.00 Uhr Ankunft Tblisi (Tiflis), Georgien. Kurzer nächtlicher Spaziergang über den Rustaweli Boulevard, den Kudamm der georgischen Hauptstadt: Viele Modegeschäfte von Hugo Boss bis H&M, aber auch das Parlament, die Oper und das Konzerthaus reihen sich hier dicht an dicht.

Neben dem Parlamentsgebäude sind die größten Häuser edle 5-Sterne-Hotels. Alles ist beeindruckend beleuchtet und obwohl die Stadt nur 1,2 Millionen Einwohner*innen hat, ähnelt der Beat dem Berlins.

Oper, Rustaweli Boulevard, Tblisi, photo: L. SeverinViele Autos fahren auf der sechsspurigen Straße durcheinander, die ganze Nacht durch.

Zwischen flanierenden Tblisier*innen sitzen ältere Damen und verkaufen Popcorn, Nüsse und Granatapfelkerne.

Die Geschäfte haben bis 21 Uhr (gerne auch länger) geöffnet, fangen aber auch erst gegen 11.00 Uhr vormittags an.

 

Glaube, Fluß und eine Statue

ASB Georgia and international guests, photo: unknownNach dem Treffen mit den Koordinator*innen der Konferenz und einem georgischen Mittagessen beginnt der dreistündige Stadtrundgang durch den alten Stadtkern Tblisis.

Vorbei an vielen Kirchen unterschiedlicher christlicher Orientierung, aber auch an einer Moschee und einer Synagoge. Fünf Glaubensrichtungen sind in dem sehr kleinen alten Teil der Stadt vertreten.

 

Bridge of Peace in Tblisi. Photo: L. SeverinDurch Tblisi fließt der Fluss Kura (georgisch: Mtkwari). Über 21 Kilometer entlang des Flusses erstreckt sich die Stadt links und rechts, bis hoch in die Berge, teilweise sogar auf Klippen gebaut. Die Architektur erzählt die verschiedenen Epochen der Eroberungen, der Kriege und des Wiederaufbaus.

Es gibt persische Bauten, Gebäude aus der Stalin-Ära, georgische Holzbalkone, die an Frankreich erinnern und nagelneue Glasfassaden, z.B. bei der Friedensbrücke. Sie verbindet das neue Tblisi auf der einen Flussseite mit dem alten Tblisi auf der anderen Seite.

Beim abschließenden gemeinsamen Abendessen werden zahlreiche georgische Spezialitäten aufgetischt, wie Chatschapuri (eine Art Käse‐Pizza), Hühnchen in Milch und Knoblauch, Schaschlik‐Spieße und den besonderen georgischen Wein, der nach 7000 Jahre alter Tradition in Tongefäßen unter der Erde zum Reifen sechs Monate gelagert wird.

Mother of Georgia in Tblisi, photo: L. SeverinObwohl in Georgien eine sehr patriarchale Gesellschaftsform herrscht, thront auf dem Berg die „Mutter Georgiens“. Der Rock der riesigen silbernen Statue weist noch Einschusslöcher vom letzten Bürgerkrieg Anfang der 1990er-Jahre auf. Die Mutter Georgiens hält in der einen Hand ein Schwert zur Verteidigung und in der anderen einen Wein als Zeichen für ein herzliches Willkommen – und das habe ich hier heute auf jeden Fall bekommen.

 

Justizvollzug in Deutschland, Dänemark und Georgien

Die Konferenz „Wege zurück in die Gesellschaft“ ist am zweiten Tag ein internationaler runder Tisch, um sich über bewährte Methoden und Erfahrungen bei der Resozialisierung von Inhaftierten auszutauschen. Mehr als 30 Vertreter*innen unterschiedlicher georgischer Institutionen aus dem Justizbereich sind anwesend. Dank der Simultanübersetzungen in Englisch, Deutsch und Georgisch gibt es keine Verständigungsschwierigkeiten.

Conference – L. Severin, Tblisi, photo: ASB GeorgiaTamar Khurtsilava, Organisatorin der Veranstaltung gibt einen kurzen Input zu den aktuellen Standards im georgischen Justizvollzug und der Bewährungshilfe.

Als erste internationale Referentin berichte ich über den Aufbau der Berliner Justiz, die Resozialisierungspraxis und Besonderheiten des Entlassungsmanagements. Es gibt viele Rückfragen, vor allem zur Arbeitspflicht in den Berliner Vollzügen, zur Praxis bzgl. vorzeitiger Entlassung, zu den Zuständigkeiten von Sozialarbeitenden im Vollzug und der Bewährungshilfe und zum Umgang mit Drogenabhängigen im Justizvollzug.

Wie sich auch in späteren Gesprächen zeigt, weicht der rechtliche Umgang mit Drogenbesitz in Georgien sehr von der Praxis in Deutschland ab. In Georgien werden Menschen wegen des Besitzes geringer Mengen chemischer Drogen für acht bis zwölf Jahre inhaftiert. In Deutschland werden Anklagen bei solchen Besitzmengen dagegen häufig nur mit Geldstrafen sanktioniert.

Im nächsten Referat geht es um Maßnahmen und gesetzliche Voraussetzungen für sucht- und/oder psychisch kranke Menschen im Maßregelvollzug. Der Referent arbeitet im Berliner Hiram-Projekt, das ambulante und stationäre Möglichkeiten für diese Zielgruppe anbietet. Auch zu diesem Thema hat das Publikum viele Fragen; denn obwohl die Zahl der drogenabhängigen oder psychisch kranken Inhaftierten in Georgien wohl sehr groß ist, gibt es für sie nur wenige ähnliche Projekte und Institutionen.

Eine Kriminologin aus Kopenhagen skizziert den Aufbau der Justiz in Dänemark. In den nur vier Regionen des kleinen und nicht föderalistischen Landes werden einzelne Haftanstalten, offene Vollzüge und Bewährungshilfen von jeweils einer übergeordneten Institution gesteuert. In Deutschland übernehmen entsprechend ausgebildete Justizvollzugsbeamt*innen einen großen Teil der pädagogischen Arbeit mit den Inhaftierten Dadurch haben sie einen deutlich größeren Einfluss auf Resozialisierungsmaßnahmen und gerichtliche Entscheidungen als es die Beamten in Deutschland haben.

Die zweite dänische Referentin stellt ergänzend das präventiv arbeitende Projekt UCANDOIT vor. Hier werden 17- bis 25-jährige Menschen zu „Social Entrepreneurs“ ausgebildet. Durch Selbstdarstellungs- und Selbstbehauptungtrainings sollen sie befähigt werden, innovative (vermarktungsfähige) Ideen zu entwickeln – etwa App-Design. Das Projekt steckt noch in Kinderschuhen, die Pilotphase endet im August 2019.

Tblisi at night, photo: L. SeverinDie Organisatorinnen haben eine großartige Veranstaltung auf die Beine gestellt – die, wie erst kurzfristig bekannt geworden ist, im Schatten der Präsidentschaftswahl stand.

Für den 28. November hatten alle Georgier*innen Urlaub bekommen, um wählen gehen zu können. Dass trotzdem so viele Interessierte zur Konferenz gekommen waren, war es ein sehr positives Zeichen.

Wir schlossen den Abend in einem sehr luxuriösen Restaurant auf dem höchsten Berg bei Tblisi ab – mit einem sagenhaften Blick über die nächtliche Stadt und wie immer sehr gutem Essen und Rotwein.

Mskheta, Arbo und der Müller aus Dirbi

Mskheta, photo: L. SeverinAm dritten Tag stehen Besuche außerhalb der Hauptstadt auf dem Programm.

Der unterhaltsame Fahrer unseres Kleinbusses nimmt – wie in Georgien üblich – an jedem gemeinsamen Essen teil und besteht zum Schluss darauf, ein Selfie mit mir zu machen.

Vorher aber fährt er uns in die ehemalige Hauptstadt Mskheta – ein sehr kleines und sehr altes Städtchen an einer Flussgabelung.

Wieder gibt es viele Kirchen zu sehen, unter anderem die Sweti-Zchoweli-Kirche mitten im Zentrum der Altstadt. Hier soll nicht nur der Begründer Tblisis, König Wachtang Gorgassali, begraben liegen, sondern auch das Gewand Jesu verborgen sein, das er bei seiner Kreuzigung getragen haben soll.

Sweti‐Zchoweli cathedral, Mskheta, photo: L. SeverinMskheta ist der Ort, an dem im Jahr 337 das Christentum als Staatsreligion in Georgien eingeführt wurde, wo es sich bis heute hartnäckig hält.

Drei Viertel der georgischen Bevölkerung bekennt sich zur georgisch‐orthodoxen Apostelkirche. Sie ist in der Verfassung festgeschrieben und erhebt keine Steuern.

 

 

Social Enterprise „Arbo“, Tblisi area, photo: L. SeverinAnschließend besuchen wir ein soziales Unternehmen, das von den Partnerprojekten des ASB Georgiens unterstützt wird. „Arbo“ produziert Kinderspielzeug aus rein ökologisch behandeltem Holz.

Hier werden ganze Kinderspielplätze gebaut, aber auch kleine Puppenküchen, von denen bald 100 Stück erstmalig nach Deutschland exportiert werden.

Von den 18 Mitarbeitenden sind fünf auf Bewährung, zwei haben eine Behinderung, zwei sind pensioniert.

Ganz andere Eindrücke erwarten uns in Dirbi, etwa 90 Kilometer von Tblisi entfernt. In diesem kleinen Dorf ohne Asphaltstraßen, mit vielen kaputten Häusern und Wellblechdächern wohnt ein ehemaliger Inhaftierter mit seiner Familie. Er hat 14 Jahre in Russland und Georgien im Gefängnis gesessen, jetzt ist er ein Vorzeigemann, wenn es um Resozialisierung geht.

Nach einer dreimonatigen Qualifizierung hat er erfolgreich einen Businessplan für eine Kornmüllerei erstellt. Vom ASB und dessen Partnerorganisationen hat er eine elektrische Kornmühle bekommen, die 120 Kilo Mehl in einer Stunde mahlt. Jetzt produziert der Müller Gerste, Mais und andere Getreide – nicht nur für sein Dorf, sondern auch die umliegenden Orte.

Sein Einkommen und auch die soziale Anerkennung sind enorm gestiegen. Bald möchte er seinen Kleinbetrieb ausbauen und Vorbild für andere straffällig gewordene Menschen sein.

Link zum Youtube-Video The Miller/Village Dirbi (englisch)

Fremde fallen auf in Dirbi. Kurz vor unserer Abfahrt schaut das halbe Dorf vorbei, um diese merkwürdige Gruppe mit dem bunt leuchtenden Partybus und mit dem fluchenden Fahrer zu begutachten.

Felsen, Gold und guter Wein

Uplisziche at night, photo: L. SeverinUnser letzter Stopp ist die in Stein gehauene Stadt Uplisziche aus dem dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung.

Da es mittlerweile dunkel geworden ist, kraxeln wir mit Handy-Taschenlampen über die steilen Felsen.

Diese Stadt hat eine Kirche, mehrere Hallen, Kerker und eine Weinpresse – alles aus und in den Felsen geschlagen.

Sklaven schufen diesen wundersamen Ort mit Hacken aus Gold und einer Edelstahlspitze. Man hatte ihnen versprochen, das Gold zu bekommen und die Freiheit zu gewinnen, wenn sie so lange hackten, bis die Edelstahlspitze abgeschlagen war. Doch alle Arbeiter starben, bevor das Projekt beendet war.

Lunchtime, photo: L. SeverinNachdem wir alle, inklusive der uns begleitenden (Straßen-)Hunde, wieder heile unten angekommen sind, lädt uns der Leiter dieses Museums/der antiken Stadt spontan zu Brot, Schaschlik und Wein ein.

Es wird ein georgischer Abend wie aus dem Bilderbuch. Viel selbstgemachter Wein fließt, es gibt viel zu viel zu essen, die Männer reihen einen Toast an den anderen.

Das ist typisch Georgien: Immer findet ein Mann am Tisch einen Grund anzustoßen. Es werden langatmige Reden geschwungen, auch von weniger begnadeten Rednern, während alle anderen essen und trinken. Frauen sagen eher selten was, nur einmal bringt eine Kollegin einen Toast aus.

Getrunken wird auf die Freundschaft, die Zusammenarbeit, den Frieden und die bessere Zukunft. Und zum letzten Tost wird das volle Weinglas auf Ex gekippt, um schnell gehen zu können, bevor der nächste eine Rede anfängt.

In Georgien darf nie alles aufgegessen werden – was bedeutet, wenn noch ein, zwei Stücke auf dem Teller liegen, räumt die Bedienung ab. Ein Glück für die Hunde heute Abend. Erst sind sie uns ganz verliebt in die Felsen gefolgt, jetzt bekommen sie hier die Reste zu fressen.

Fazit

Es waren volle drei Tage, an denen ich ins kalte Wasser gesprungen bin und von den Georgier*innen allerwärmstens empfangen wurde. Sie hätten nicht mehr für mich tun können! Eigentlich ist mir die Welt zu groß und vielfältig, als dass ich zweimal an denselben Ort fahren würde – aber Georgien ist nochmal eine längere Reise wert. Die Landschaft, das Essen, der Wein, die Leute und die Geschichte bieten Stoff für einen mehrwöchigen Urlaub, den ich allen nur ans Herz legen kann!

Hintergrund

Das FCZB arbeitet seit über 15 Jahren in der Berliner Straffälligenhilfe. Im Rahmen bisheriger Projekte führten die FCZB-Mitarbeiterinnen transnationale Reisen zum Austausch durch. Anfang 2018 haben wir eine Anfrage aus Georgien bekommen, ob das FCZB eine „study visit“ für eine georgische Delegation organisieren kann. Unsere Expertise zum Aufbau der Berliner Justiz und der Straffälligenhilfe war so eindrücklich, dass das FCZB zu einer Konferenz in Tblisi eingeladen wurde. Der ASB Georgia organisiert diese Konferenz mit mehreren internationalen Gästen, um Impulse für eine Reformierung ihres Justizsystems zu sammeln.

Links

Website der internationalen Konferenz Way to Society (englisch)
Arbeitersamariterbund Georgien
FrauenComputerZentrumBerlin

Zum Weiterlesen

Study Visit (1) – Georgien zu Gast bei MUNIA

Study Visit (2): Tage in Georgien